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Dienstag, 9. September 2008

Spaziergang durchs Blaubeerfeld

Jetzt also endlich der Muotkatunturitbericht.


Mein Arbeitskollege Harri hat mich im Frühling gefragt, ob ich Interesse an einer Wandertour im Norden hätte. Und natürlich hab ich ja gesagt, ohne überhaupt groß zu überlegen. Bei der Arbeit schaute man mich etwas entgeistert an und mein Vater fragte, wie wahrscheinlich es denn sei, dass ich denn zurückkommen würde. Aber zumindest für Harri war es lediglich ein entspannter Spaziergang. Dank ihm gab es auch eine ordentliche Vorbereitung, ich hätte vermutlich die Hälfte der benötigten Dinge vergessen.
Muotka liegt zwischen Karigasniemi und Inari. Nordlappland ist von Helsinki aus fast einfacher zu erreichen als von Oulu, wo man erstmal zehn Stunden Bus fahren darf. Von Helsinki fliegt man einfach nach Ivalo und ist dann quasi am Ziel. Wir stiegen ca. zehn Kilometer vor Karigasniemi an der Grenze zu Norwegen aus dem Bus. Am ersten Abend gingen wir entlang einem kleinen Sandweg bis zum nächstgelegenen Fluss.

Muotka ist ein "erämaaalue" also: Wildnis. Es gibt keine markierten Wege und niemand darf auf dem Gebiet bauen. Außer Reintierzäune. Und wie schon erwähnt gibt es noch Bruchstücke der alten Postroute. Üblicherweise trifft man 0 bis wenig Leute in einer Woche Wanderung, aber da im Juli ein langer Artikel über Muotka im "Retkilehti", einer finnischen Zeitschrift, erschienen war, haben wir tatsächlich so alle zwei Tage mal Leute gesehen.
Da es keine Wege gibt, muss man sich selbst überlegen, wie man ans Ziel kommt. Wir wollten zum Koarvikodds, dem höchsten Fjell der Region und zum Peltojärvi, einem schönen See mit Sandstrand. Hilfreicherweise hatten wir eine detailierte Karte, in der Sumpfgebiete, Geröllfelder und andere Unwegsamkeiten eingetragen waren und ein GPS-Gerät. Keine Wege bedeutet auch, dass man selbst sehen muss, wie man durch Flüsse und Sümpfe gelangt. Üblicherweise kann man aber dank der recht spärlichen Vegetation recht gut laufen. Außer wenn man den falschen Weg wählt...
Es ist auf jeden Fall eine intensivere haptische Erfahrung, tatsächlich nicht auf einem befestigten Weg an der Landschaft vorbeizulaufen sondern direkt mittendrin zu sein. Das bedeutet allerdings auch, dass man bedeutend langsamer ist. Im Höchstfall haben wir 18 km am Tag geschafft, meistens eher so 15 oder weniger.
Das lag vielleicht auch an meinen Schuhen. Die haben mir schon ungefähr seit ich 14 bin gute Dienste geleistet und sind mit mir in der Hohen Tatra herumgekraxelt. Und: Ich habe sie extra mehrere Wochen vor der Tour ordentlich wieder eingelaufen und lustige Experimente gemacht. Das hat beides nichts genutzt. Am ersten Wandertag fühlten sich die Hacken des Schuhs etwas komisch an, und am Abend waren die Nähte hinten innen im Schuh offen. Und meine Hacken hatten beide schön große Blasen. Den Rest der Woche hatte ich dann morgens und abends mit einpflastern zu tun. Auch die Wasserfestigkeit ließ ab Tag 4 doch zu wünschen übrig. Man kommt zwar gut trockenen Fußes durch kleine Flüsse, die wirkliche Beanspruchung für gewachste Schuhe sind jedoch nasse Büsche. Die gibt es in Fjelllanschaften genug. Und ja, ich habe jeden Morgen nachgewachst. Meine nächsten Wanderschuhe haben übrigens G.oretex.


Die Landschaft ist unbeschreiblich schön und harsch. Im Überblick sieht es ziemlich leer aus, im Detail gibt es erstaunlich viele Pflanzen, die ich vorher noch nie gesehen hatte und die sich in verschiedenen Weisen an die extremen Lebensbedingungen angepasst haben. Ich musste häufig stehenbleiben um erstaunliche Pflanzen zu bestaunen oder Blaubeeren zu essen. Die sind an manchen Stellen der Hauptbewuchs. Dann gibt es noch "Krähenbeere" (heißen die so auf Deutsch?), in die man sich häufig reinsetzt, und Juolukka. Erstere ist halbwegs genießbar, zweitere eher nicht.
Tiere sieht man ziemlich wenige, aber man findet Hinterlassenschaften in Form von Kot, Knochen oder im Fall von Lemmingen Höhlen aus Heu. In lebendig haben wir unter anderem einen Fuchs, ziemlich viele Rentiere, Raben und Krähen, einen Piekana (was ist das auf Deutsch?), ein paar Tiara und einen Kuukeli gesehen. Und als wir am See gecampt haben, heulte in der Ferne ein Wolf.

Die ersten drei Tage hatten wir Traumsonnenwetter, erst als wir auf den Koarvikodds wollten, legte sich nachts eine Wolkenschicht über uns, die zwei Tage blieb und ab und zu mal regnete, insbesondere aber immer weiter sank. Aber trotzdem schön.

Ein perfekter Urlaub, man ist in einer völlig anderen Welt und das, was im Alltag wichtig ist, wird zumindest für eine Weile stark relativiert. Außerdem hab ich gelernt, mit einem 13 Kilo schweren Rucksack Sümpfe von einem Torfhügel zum anderen springend zu durchqueren.

Ich hab immer noch das Gefühl tausend Sachen nicht erwähnt zu haben, aber ich glaube, der Bericht ist jetzt langsam lang genug. Ach ja, nicht vergessen Fotos anzuschauen.

Ach ja, eine Sache noch: Es ist gelogen, dass es Mitte August keine Mücken mehr in Lappland gibt, die waren definitiv noch da. Zusammen mit ihren kleineren Verwandten Mäkärä und Polttiainen. Letztere sind besonders mies, sie können überall hin kriechen, was sie auch tun.

Montag, 11. August 2008

Sommerurlaub, Teil 1

Eine Regenwoche in Lappland im Sommerhaus von Jyrkis Eltern. Wir haben unter anderem eine Hochzeit besucht, die an der Baumgrenze des Yllästunturi stattfand. Etwas seltsam, wenn man fast niemanden kennt, nichtmal das Hochzeitspaar. Ein in meinen Augen etwas komische Sitte der Finnen ist, dass das Hochzeitspaar die ganze Hochzeitsfeier lang an einem separaten Tisch zu zweit sitzt. Das kann man ja auch ohne die ganzen Gäste den Rest seines Lebens noch machen...

Weiterhin ist zu erwähnen, dass die Kommunikation mit Jyrkis Verwandschaft, die fast geschlossen kein Englisch spricht, inzwischen ganz gut klappt. Ich habe tatsächlich eine über zwei Stunden dauernde, als Kaffeetrinken getarnte, Inquisitionsveranstaltung mit Eltern und Oma überstanden ;-).

In einer Regenpause kam ich auf die Idee, im Ounasjoki hinterm Haus schwimmen zu gehen. Das Wasser war garnicht so kalt. Lediglich einige Verhaltensregeln sind zu beachten:
Man sollte die Zeit vor und nach dem Baden mit freiliegender Haut so kurz wie möglich halten. So schnell wie möglich ganz ins Wasser eintauchen und nach dem Bad direkt das Handtuch greifen und während man ins Haus rennt mit schlagenden Bewegungen die Mücken vom Körper fernhalten.

Die Mücken gediehen prächtig, denn es war schwül und regnerisch. Interessanterweise verhalten sich Mücken in Lappland anders als die um Oulu. Während die Ouluer Mücken um ihr Opfer herumfliegen um einen geeigneten Platz zu finden und dann gezielt zuzustechen, verfolgen die lappischen Mücken eine einfachere Taktik: Sie stürzen sich von allen Seiten auf ihr Opfer und stechen zu egal wo. In ihrem Eifer trinken sie manchmal so viel Blut, dass sie daran elendig zugrundegehen. Welche Taktik die bessere ist, kann ich leider nicht beurteilen.

Ausser ausgiebigen Mückenstudien gaben wir uns hauptsächlich entspannenden Regentagsbeschäftigungen hin: Lesen, Spielen, Musizieren, Boote schleppen, Grillen in der Grillhütte, Sauna...

Erstaunlicherweise war die Lapplandwoche trotzdem ziemlich schnell um, weiter gings nach Oulu und dann mit dem Nachtzug nach Tampere, auf den Weg zum Sommerurlaub Teil 2.

Mittwoch, 6. Juni 2007

Finnische Fauna



Aus gegebenem Anlass heute ein Artikel über die finnsche Fauna.

Quellenangaben: Erfahrung, Wissen aus Wikipedia, www.kaleva.fi sowie Kaffeepausentatsachen. Aber nicht in derReihenfolge.

Ganz so harmlos, wie ich dachte, ist es hier nämlich wohl doch nicht.Auch wenn sich die meisten Tiere in Finnland von Gras, Flechten oder Tannennadeln ernähren gibt es inzwischen (es ist jetzt Sommer!) auch genügend Vertreter von Spezies, die Blut bevorzugen. Da ist natürlich erstmal die allseits bekannte Stechmücke, die sich allerdings im Moment noch ein bischen wie in Zeitlupe bewegt und deshalb nicht soo gefährlich ist, die "Mäkärä" und die "Polttiainen". Aus schierer Unwissenheit werden beide Arten von meinem Lexikon als "Kriebelmücke" ins Deutsche übersetzt. Ich hab bisher noch keine gesehen, wohl aber schon einige Stiche abbekommen... Dem Hörensagen (Kaffeepause) nach ist eine "Mäkärä" klein und schwarz und eine "Poltiainen" noch kleiner und schwärzer.
Hilfreicherweise gibt es zusätzlich auch noch die "Hirvikärpänen", also die Elchfliege, welche im Deutschen aber "Hirschlausfliege" genannt wird. Auch wenn mir erklärt wurde (Kaffeepausen sind so lehrreich), dass mich diese Tiere nur befallen, wenn sie mich für einen Elch halten, aber Wikipedia behauptet da anderes. Dieses Tier ist ziemlich platt und kann sich unter die Haut graben... besser nicht drüber nachdenken. Weitere interessante Features: Wirft die Flügel ab, sobald sie auf dem "Wirt" angekommen ist und legt keine Eier, sondern lebendige Larven!
Das Gespräch über diese Tiere endete damit, dass ein recht redseliger Finne von einem blutsaugenden Schmetterling berichtete, der in Russland heimisch ist und inzwischen einen (1) Finnen gebissen hat. Damit war dann die Kaffeepause auch Gott sei Dank zuende.
Zumindest dienen die ersten drei beschriebenen Tierarten auch als Futter für die reichlich vorhandenen Schwalben.

Darüberhinaus wurde in den letzten zwei Tagen in der hiesigen Tageszeitung folgendes berichtet (keine Links, die sind schon nicht mehr auf der Seite -- ihr müsst mir also glauben):
1.) Die Polizei konnte Krähen gerade noch daran hindern, Menschen anzugreifen (?). Soweit hatte ich den Artikel gelesen (in Finnisch) und dann beim Mittagessen lieber mal nachgefragt -- und es wurde mir bestätigt, dass hier Krähenschwärme ab und zu auf Leute herabstoßen und auf sie einpicken. Gott sei Dank ist dann die Polizei zur Stelle...
Immerhin hab ich dadurch ein neues Wort gelernt: varishäirikkö -- Krähenstörenfried.

2.) Zwei (!) Elche wurden gestern in meinem Stadtteil gesehen (und wohl auch erschossen). Es ist wohl nicht besonders ungewöhnlich, Elche in Oulu zu sehen, auf jeden Fall wurden bei der Arbeit wild Straßen aus dem Stadtplan herausgesucht, wo Personen schonmal Elche gesehen haben. Wie man auf dem Bild links sieht, sind diese Tiere in der Stadt nicht besonders glücklich.
Es soll auch jemand beinah einen Fahrradunfall mit einem Elch, der frühmorgens aus einem der Fahrradunterführungen kam, gehabt haben -- man mahnte mich auf jeden Fall, bei meiner Fahrt zur Arbeit vorsichtig zu sein und nach Elchen Ausschau zu halten ;-)

Ich will endlich einen Elch sehen! Eine zusätzliche Motivation, immer mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren.

Der Vollständigkeit halber: Ausnahmsweise sind die Bilder in diesem Eintrag nicht von mir sondern das erste aus der finnischen Wikipedia und das zweite von der Seite www.oulu.fi.