Nun schon vor zweieinhalb Wochen war ich in Finnlands Hauptstadt. Diese ist zusammen mit den angrenzenden (Vor-)Städten Vantaa und Espoo mehr als halb so groß wie Hamburg ;-) Aber in Finnland wohnen insgesamt ja auch nur 5 Millionen Menschen. Auf jeden Fall ist Helsinki eine würdige Hauptstadt.
Erstmal mussten wir -- meine Mitstreiterin Dorota und ich -- jedoch dort hinkommen. Wir wollten Freitags den Nachtzug nach Helsinki nehmen und dann abends wieder zurückfahren -- das spart Geld, ist aber ziemlich stessig, wie sich herausstellte.
Wir wussten natürlich, dass der Fahrkartenschalter nachts um 12 geschlossen haben würde. Dass aber auch schon abends um halb 6 nicht mehr geöffnet haben würde, hätten wir nicht gedacht... Dafür gab es aber einen Fahrkartenautomaten. Mit dem konnte man natürlich nicht nur auf Finnisch kommunizieren -- sondern auch, wie es das Gesetz bestimmt, auf Schwedisch. Und wer jemals einen solchen Fahrkartenautomaten benutzt hat, hält fortan die DB-Automaten für sehr simpel und übersichtlich. Keine Chance, einfach so die richtige Fahrkarte zu bekommen. Gott sei Dank ist mein Finnisch aber inzwischen so "gut", dass ich mir immerhin auf Finnisch von einer jungen Frau, die behauptete, kein Englisch zu sprechen, auf Finnisch helfen lassen konnte, auf Finnisch zwei Fahrkarten zu kaufen. Ich war sehr stolz auf mich ;-).
Dann konnte es um halb 12 endlich losgehen -- wir spazierten in der Dämmerung zum Zug, um dann in 8 Stunden ca. 600 km von Oulu nach Helsinki geschaukelt zu werden. Ich schaffte es tatsächlich, zwischenzeitlich trotz Kälte, schnarchender Mitreisender und mittelmäßig geeigneter Sitzgelegenheiten einzuschlafen -- um dann nachts um 3 aufzuwachen und Dunkelheit zu sehen. Es war wirklich so dunkel, dass man draußen überhaupt nichts erkennen konnte! Die erste Sensation.
Trotz aller Widrigkeiten recht ausgeschlafen und im strömenden Regen kamen wir in Helsinki an. Der hörte hilfreicherweise dann auch sofort auf und wir konnten gemütlich durch die Stadt bummeln. Helsinki kann man wirklich als Stadt, sogar als Hauptstadt bezeichnen. Trotz der geringen Einwohnerzahl (ein Drittel von Hamburg) ist es doch immerhin die einzige Siedlung in Finnland, die nach deutschen Maßstäben die Bezeichnung "Stadt" tragen dürfte. Alle anderen Ansammlungen von Häusern haben eine zu geringe Bevölkerungsdichte und wären demnach nur "Dörfer"... Ich kann allerdings bis jetzt wenig über finnische Städte im Allgemeinen sagen, schließlich war ich erst in zweien.
Helsinki besitzt riesige Kirchen, Museen, Theater, einem internationalen Hafen und Hafenfähren die zum Nahverkehrsnetz gehören, einer Straßenbahn, vielen Leuten, Parks und überhaupt ;-)
Wir haben uns erstmal nach einem kurzen Blick in den Stadtführer und tausend Tipps von verschiedensten Leuten im Hinterkopf durch die Stadt treiben lassen. Es war Dorotas letztes Wochenende in Finnland und sie hatte wohl den Eindruck, nicht genügend Fotos von Finnland zu haben. So dass sogar ich, die üblicherweise ja eher zu viele Fotos macht, den Satz "Could you take a picture of me?" am Ende des Tages nicht mehr hören konnte... aber ich bin ja ein geduldiger Mensch und mache gerne Fotos ;-)
Zurück zum Stadtbild: Man sieht in der Stadt neben skandinavischen und mitteleuropäischen auch östlichere Wurzeln -- es gibt zum Beispiel eine riesige orthodoxe Kathedrale mit vielen riesigen und sehr goldenen Ikonen im Inneren (die ich nicht fotografiert habe). Die "andere" Kathedrale, die "Domkirche", ist lutherisch. Ihr äußeres Bild steht im krassen Gegensatz zum schlichten Inneren, der Michel in Hamburg, auch eine evangelische Kirche, wirkt dagegen fast barock ;-).
Am Hafen angekommen, entschlossen wir uns ob des schönen Wetters nach "Suomenlinna" ("Finnenschloss"), der Festungsanlage vor Helsinki zu fahren -- natürlich mit der Fähre. Meine erste Fahrt durch eine Schärenlandschaft.
Ich, die eher wegen der Fahrt rausgefahren war, war erstaunt, dass es sich auch gelohnt hat, die Insel anzuschauen.
Suomenlinna wurde von den Schweden als Verteidigung gegen die Russen gebaut -- diese nahmen Finnland dann allerdings kurz darauf trotzdem ein, freuten sich über die moderne Festung und bauten sie weiter aus -- zum Beispiel mit einer Kirche. Und weil die ja sowieso einen Turm braucht, kann man da an einer Landspitze gleich einen Leuchtturm integrieren.
Ansonsten gab es auf der Insel viel Grün, Katakomben und Kasematten. Nebenbei fing es fürchterlich an zu schütten. Trotzdem trafen wir die ersten Mücken des Jahres und einige Eesten (schreibt man die so?). Auf der Insel wohnen übrigens, wie auch auf vielen anderen Inselchen in der Umgebung Leute.
Als wir dann wieder am Festland und bereit zu Drinnenbeschäftigungen waren, hörte es wieder auf zu regen. Wir mussten dringend sitzen, es machten sich der mangelnde Schlaf und die 6 Stunden Herumlaufen doch bemerkbar. Hilfreicherweise gibt es in Helsinki eine Straßenbahn-Ringlinie, die alle 10 Minuten verkehrt und eine kostengünstige Stadtrundfahrt bietet. Zwischendurch haben wir noch eine in den Stein gehauene Felsenkirche und das Sibelius-Monument angeschaut.
Das Nachtleben fand dann leider nicht mehr in Helsinki sondern wieder im Zug statt. Der Pendolino nach Oulu war ausgebucht (Samstags abends?!) deshalb konnten wir dann noch eine Nacht im Zug verbringen -- und hatten noch eine Stunde Zeit das Stadtleben zu genießen. Einfach in den Park setzen, nur zuschauen -- und sich eine Stunde lang nicht langweilen. Nebenbei zog auch ein Junggesellinnenabschied vorbei, der ziemlich genauso auch in Aachen hätte stattfinden können. Ach ja...
Helsinki ist echt schön und ich werd da auf jeden Fall nochmal hinfahren und mir den Rest ein bischen stressfreier anschauen -- hoffentlich bleibt noch nen bischen Zeit. Die Stadt erinnert in manchen Belangen sehr an meine Lieblingsstadt in Deutschland ;-)
Allerdings gibt es hier in Finnland noch soo viel zu sehen... und fast alles ist ohne Auto nur ziemlich schwer zu erreichen. Aber ich schaff das schon. Im August bin ich wieder in Deutschland. Das sind nur noch ca. 1,55 Monate! Apua!
Mittwoch, 13. Juni 2007
Helsinki
Eingestellt von
Imke
um
19:54
0
Kommentare
Mittwoch, 6. Juni 2007
Finnische Fauna

Aus gegebenem Anlass heute ein Artikel über die finnsche Fauna.
Quellenangaben: Erfahrung, Wissen aus Wikipedia, www.kaleva.fi sowie Kaffeepausentatsachen. Aber nicht in derReihenfolge.
Ganz so harmlos, wie ich dachte, ist es hier nämlich wohl doch nicht.Auch wenn sich die meisten Tiere in Finnland von Gras, Flechten oder Tannennadeln ernähren gibt es inzwischen (es ist jetzt Sommer!) auch genügend Vertreter von Spezies, die Blut bevorzugen. Da ist natürlich erstmal die allseits bekannte Stechmücke, die sich allerdings im Moment noch ein bischen wie in Zeitlupe bewegt und deshalb nicht soo gefährlich ist, die "Mäkärä" und die "Polttiainen". Aus schierer Unwissenheit werden beide Arten von meinem Lexikon als "Kriebelmücke" ins Deutsche übersetzt. Ich hab bisher noch keine gesehen, wohl aber schon einige Stiche abbekommen... Dem Hörensagen (Kaffeepause) nach ist eine "Mäkärä" klein und schwarz und eine "Poltiainen" noch kleiner und schwärzer.
Hilfreicherweise gibt es zusätzlich auch noch die "Hirvikärpänen", also die Elchfliege, welche im Deutschen aber "Hirschlausfliege" genannt wird. Auch wenn mir erklärt wurde (Kaffeepausen sind so lehrreich), dass mich diese Tiere nur befallen, wenn sie mich für einen Elch halten, aber Wikipedia behauptet da anderes. Dieses Tier ist ziemlich platt und kann sich unter die Haut graben... besser nicht drüber nachdenken. Weitere interessante Features: Wirft die Flügel ab, sobald sie auf dem "Wirt" angekommen ist und legt keine Eier, sondern lebendige Larven!
Das Gespräch über diese Tiere endete damit, dass ein recht redseliger Finne von einem blutsaugenden Schmetterling berichtete, der in Russland heimisch ist und inzwischen einen (1) Finnen gebissen hat. Damit war dann die Kaffeepause auch Gott sei Dank zuende.
Zumindest dienen die ersten drei beschriebenen Tierarten auch als Futter für die reichlich vorhandenen Schwalben.
Darüberhinaus wurde in den letzten zwei Tagen in der hiesigen Tageszeitung folgendes berichtet (keine Links, die sind schon nicht mehr auf der Seite -- ihr müsst mir also glauben):
1.) Die Polizei konnte Krähen gerade noch daran hindern, Menschen anzugreifen (?). Soweit hatte ich den Artikel gelesen (in Finnisch) und dann beim Mittagessen lieber mal nachgefragt -- und es wurde mir bestätigt, dass hier Krähenschwärme ab und zu auf Leute herabstoßen und auf sie einpicken. Gott sei Dank ist dann die Polizei zur Stelle...
Immerhin hab ich dadurch ein neues Wort gelernt: varishäirikkö -- Krähenstörenfried.
2.) Zwei (!) Elche wurden gestern in meinem Stadtteil gesehen (und wohl auch erschossen). Es ist wohl nicht besonders ungewöhnlich, Elche in Oulu zu sehen, auf jeden Fall wurden bei der Arbeit wild Straßen aus dem Stadtplan herausgesucht, wo Personen schonmal Elche gesehen haben. Wie man auf dem Bild links sieht, sind diese Tiere in der Stadt nicht besonders glücklich.
Es soll auch jemand beinah einen Fahrradunfall mit einem Elch, der frühmorgens aus einem der Fahrradunterführungen kam, gehabt haben -- man mahnte mich auf jeden Fall, bei meiner Fahrt zur Arbeit vorsichtig zu sein und nach Elchen Ausschau zu halten ;-)
Ich will endlich einen Elch sehen! Eine zusätzliche Motivation, immer mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren.
Der Vollständigkeit halber: Ausnahmsweise sind die Bilder in diesem Eintrag nicht von mir sondern das erste aus der finnischen Wikipedia und das zweite von der Seite www.oulu.fi.
Eingestellt von
Imke
um
21:48
0
Kommentare
Montag, 28. Mai 2007
Finnischer Humor
Finnischer Humor ist seltsam. Und meistens versteht man ihn nicht, weil er in finnisch ist ;-)
-- aber nicht nur deshalb.
Ich weiß nicht genau, ob ich schon zu lange in Finnland bin, aber ich fand folgendes Beispiel (auf "deutsch") spontan lustig:
http://www.youtube.com/watch?v=VOyvM6UsjdE
Man sollte dazu vielleicht wissen, dass in Finnland "Der Alte" (hab ich in Deutschland genau null Mal gesehen) seit Jahrzehnten zur Primetime am Samstag gezeigt und mit Begeisterung gesehen wird... das kennt hier wirklich jeder.
Eingestellt von
Imke
um
19:36
0
Kommentare
Donnerstag, 17. Mai 2007
Frühling.
Auch wenn die Farbe der Wiesen teilweise noch sehr der der darauf befindlichen Hunde ähnelt, macht der Frühling jetzt Ernst.
Im Laufe der letzten Woche hat sich ein zarter aber unübersehbarer Grünschleier über die Welt gelegt. Nachdem schon Anfang Mai in nach Süden ausgerichteten Hanglagen grüne Grashalme zu sehen waren, gibt es jetzt Blätter an den Bäumen und blühende Blumen! Nachdem jetzt schon die Krokusse blühen, kommen sicherlich bald die Osterglocken... ;-)Das war mir einen Blogeintrag wert.
Zu den gegenwärtigen Temperaturen ein Zitat eines Arbeitskollegen: "6 Grad sind doch nicht kalt!"
Für diejenigen, die sich für das Wetter in Oulu interessieren, hier noch ein Link: http://www.fmi.fi/weather/local.html?kunta=Oulu
Frühlingsgrüße an alle!
Eingestellt von
Imke
um
22:57
0
Kommentare
Samstag, 12. Mai 2007
Wappu

Der erste Mai wird in Oulu vom 26.4. an gefeiert -- zumindest von den Studenten in Oulu.
In der Zeit vor dem ersten Mai brachen karnevalsartige Zustände aus -- das denken zumindest die Finnen. Aber es ist tatsächlich in manchen Belangen vergleichbar.
Vappu ist der finnische Name für den ersten Mai. Auf dieses Datum fällt nämlich der Namenstag von Valpuri und daraus wurde eben Vappu. Außerdem wird auch in Finnland am ersten Mai der "Tag der Arbeit" gefeiert.
Das alles ist allerdings nur Nebensache -- eigentlich gehört Vappu den Studenten. Zwischen dem 26. April und dem 1. Mai wird ausschließlich gefeiert, es finden Bootsrennen, seltsame Rallys durch die Stadt und die "Taufe" der Ersties statt. Hauptsächlich ist die Veranstaltung ein guter Grund dafür, viel Alkohol zu trinken. Aber nebenbei gibt es auch gute Parties mit Live-Bands -- wir haben z.B. Kotiteollisuus gehört. Der Bandname bedeutet so was wie "Herstellung von industriellen Produkten in Heimarbeit"...
Außerdem gab es den "Vesibussi" (Wasserbus) -- meine persönliche Hauptattraktion. Der genannte Bus (Linie 69) fährt stündlich an fast allen Vappu-Tagen vom Zentrum zur 6 km entfernten Uni. Dafür braucht er ziemlich genau eine Stunde. Der Busfahrer kann sich dabei aussuchen, wo er langfährt und so waren wir am Nallikari-Strand an der Ostsee so weit wie es überhaupt geht (der Bus musste 200m rückwärts fahren, weil man auf dem Ponton nicht drehen konnte...), im Buslager ziemlich weit außerhalb und auf einem Parkplatz, der auch als Treffpunkt der "coolen" Menschen mit ihren getunten Autos fungiert.
Den Bus konnte man von außen gut erkennen, denn immer wenn er zum Stehen kam, fing er an ca. 20 Grad zu jeder Seite zu schaukeln. Ich hatte keine Ahnung, dass Busse so gut gefedert sind... ;-)
Innen befanden sich so viele Leute wie sonst in Finnland nicht mal zur stärksten Rush-Hour ;-). Irgendjemand hatte den Bus 1.Mai-mäßig mit Luftschlangen und -ballons geschmückt (das machen die Finnen auch zu Hause) und Musik gabs natürlich auch in ausreichender Lautstärke.
Zu dieser Gelegenheit kann man dann auch endlich mal finnische Musik aus den 90ern kennenlernen -- sie ist ähnlich seltsam wie die Deutsche. Man muss allerdings zugeben, dass deutsche Karnevalsmusik noch nicht mit dieser Musik zu vergleichen ist.
Ob die Leute verkleidet waren? Schwer zu sagen... In Finnland hat jeder Student einen Overall in der Farbe seiner Fakultät. E-Techniker an der Uni sind zum Beispiel blau ;-). Dieser Overall wird dann mit den seltsamsten Aufnähern und anderen Utensilien individualisiert. Zumindest an Wappu tragen fast alle Studenten einen solchen Overall. Die Ausstattung kann durch den Hut ihrer Fakultät vervollständigt werden (siehe Fotos).
Das Wetter in Oulu an Vappu war übrigens ungefähr so wie in Deutschland an Karneval -- naja, vielleicht doch etwas kälter.
Im Allgemeinen würde ich Vappu (oder auch Wappu, wie die coolen Leute schreiben...) jederzeit dem deutschen Karneval vorziehen. Die Musik ist auf jeden Fall besser ;-). Außerdem kann man Vappu besser aus dem Weg gehen, wenn man es nicht mag, weil es nur von den Studenten gefeiert wird.
Die Mengen Alkohol die konsumiert werden sind übrigens vergleichbar, wahrscheinlich wird in Deutschland tatsächlich an Karneval mehr getrunken als in Oulu an Vappu, auch wenn das vermutlich die Ehre der Finnen befleckt...
Eingestellt von
Imke
um
13:25
0
Kommentare
Sonntag, 6. Mai 2007
Neues -- zumindest ein bischen
Guten Abend,
nachdem ich es tatsächlich geschafft habe, meine Studienarbeit samt richtig funktionierenden Literatur- und Abbildungsverweisen abzuschicken, kann ich endlich reinen Gewissens einen neuen Blogeintrag schreiben.
Es gibt neue Fotos (siehe Links auf der rechten Seite).
Das Album mit dem Titel "Wappu" wird demnächst gesondert besprochen und die an Ostern entstandenen Fotos sind eigentlich schon zu alt, um noch als Neuigkeiten zu gelten...
Aber trotzdem ein paar Worte:
Ostern kam mein erster Besuch aus Deutschland: Philip. Der hat ein bischen gefroren aber trotzdem bereitwillig alles Mögliche mitgemacht. Zum Beispiel eine Reise im Schneegestöber durch Lappland zum Polarzoo in Ranua. Da ich gerade ein Teleobjektiv aus Deutschland mitgebracht bekommen hatte, sind dort ein paar Fotos zuviel entstanden...
Viel Spaß beim Fotos gucken!
Ach ja: noch ein bischen Werbung. Man kann mich in Finnland besuchen. Es liegt zwar kein Schnee mehr, aber dafür ist es immer noch schön kalt :-P Dafür scheint aber schon fast die ganze Nacht lang die Sonne!
Eingestellt von
Imke
um
22:28
0
Kommentare
Samstag, 21. April 2007
Tornio
Am Wochenende vor Ostern habe ich mit Kaarina zusammen deren Eltern besucht. Tornio liegt 150 Kilometer nördlich von Oulu an der Grenze zu Schweden. Der Torniojoki (Torniofluss) fließt direkt an der Sauna des Hauses vorbei -- und er war natürlich noch so weit gefroren, dass man bequem darauf skifahren konnte.
Kaarinas Eltern leben, soweit ich das beurteilen kann und Kaarinas Aussagen zufolge ziemlich
traditíonell (man könnte auch altmodisch sagen ;-) ). Das führt dazu, dass man ständig finnisches Essen bekommt -- aber finnisches Essen wird in einem gesonderten Artikel, der auch schon halb fertig ist, beschrieben.
Auf jeden Fall leben Kaarinas Eltern zusammen mit ihrem schwedischen Lapphund Nappe zwischen Fluss und Wald, ca. 12 km vom Stadtzentrum von Tornio entfernt. Kaarinas Vater bwirtschaftet ein Waldstück, daher bezieht die Familie ihr Holz zum Heizen ihres Hauses. Das ist übrigens völlig untypisch aus Stein. Genau wie Kaarinas Mutter war er vor seiner Pensionierung Lehrer.
Nachdem wir den ersten Abend in Tornio hauptsächlich damit verbrachten, in Schweden Süßigkeiten zu kaufen und danach abendzuessen, ging es am nächsten Tag querfeldein durch den Wald -- auf Skiern. Für mich, die bisher hauptsächlich ordentlich gezogene Loipen gewohnt war, war das erstmal etwas abenteuerlich. Normalerweise braucht man übrigens auch zumindest ein Minimum an Loipe oder wenigstens geplätteten Schnee um zügig vorwärtszukommen. Im Frühling ist es jedoch häufig so, dass es Nachts ordentlich friert, tagsüber aber die Sonne den Schnee antaut. Dadurch entsteht "hanki" (Schnee mit einer Eisschicht darauf), den man bequem und ohne Spuren zu hinterlassen befahren kann. Besonders eindrucksvoll ist das, wenn man ein freies Feld aus unberührtem Schnee überquert. Man wird auf hanki übrigens auch ziemlich schnell ;-)
Nach einer ziemlich langen Fahrt kamen wir am Torniojoki an. Ein paar Kilometer flussaufwärts gab es dann auch die in Finnland obligatorische Feuerstelle und wir konnten Würstchen grillen und uns Schweden anschauen, dass auf der anderen Seite des Flusses lag.
Nappe war natürlich mit von der Partie, er hielt sich tapfer bis zum Schluss. Er ist ein Hund mit einem stark entwickeltem Pflichtgefühl und so musste er seine skifahrende Familie natürlich begleiten. Als wir wieder zuhause angekommen waren, sank er jedoch erstmal in sich zusammen und zog es vor, den Rest des Tages liegend zu verbringen. Allerdings waren auch Kaarina und ich nach diesen vielleicht 20 Kilometern Skifahrt und der ganzen frischen Luft schlafbereit.
Da Samstag war, ging es abends in die holzgeheizte Sauna. Davon wird man natürlich auch nicht wacher... schließlich konnten wir uns aufraffen und abendessen. Zudem bekam ich in Ermangelung eines eigenen ungelesenen Buches den "Zahlenteufel" auf Finnisch in die Hände. (noch nie gelesen? Vermutlich seid ihr jetzt zu alt dafür...)
Gut dass ich den schonmal gelesen hatte -- sonst hätte ich vermutlich garnichts verstanden.
Hier einige hilfreiche Vokabeln, falls ihr mal in eine ähnliche Lage kommen solltet:
Teufel: Piru oder Perkele (letzteres ist allerdings ein Schimpfwort)
Traum: uni
Taschenrechner: taskulaskin
... soviel zu den Wörtern, die mit T anfangen ;-)
Am nächsten Tag mussten wir Nappe überlisten, denn er hatte einen Muskelkater vom Vortag (sah übrigens ziemlich lustig aus, auch wenn der Arme kaum laufen konnte) und war definitiv nicht in der Lage mit nach Tornio zu fahren... mein Muskelkater hielt sich erstaunlicherweise in Grenzen. Trotz seiner Unfähigkeit sich mit mehr als 2 km pro Stunde fortzubewegen, wäre Nappe tödlich beleidigt gewesen, wenn man ihn nicht mitgenommen hätte.
Also durfte er mit Kaarinas Vater im Wald skifahren -- während wir uns kurz nach deren Aufbruch in die Gegenrichtung flussabwärts Richtung Tornio aufmachten. Es ging gegen den Wind. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass ein bischen Wind die Geschwindigkeit so beeinträchtigen kann. Aber ich als alte Radfahrerin konnte natürlich auch Windschattenskifahren...
In Tornio fand an diesem Wochenende ein Eisfischwettbewerb statt. Dazu werden sämtliche Teilnehmer des Wettbewerbs für ein Wochenende auf ein gewisses Stück Eis mit ihren Eisbohrern und den 20cm langen Eisangeln losgelassen. Wer die meisten Fische fängt hat gewonnen -- ein einfaches Prinzip ;-). Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viele Finnen in ihrer Freizeit den Eisbohrer schultern und sich stundenlang damit beschäftigen, auf dem Eis herumzusitzen (kalt!) und mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit nichts zu fangen... aber der Fischfang ist bei dieser Beschäftigung wohl auch nicht die Hauptsache.
Auf unserem Rückweg hatten wir den Wind im Rücken, dafür war es aber schon Nachmittag und der Schnee wurde weich und ein paar Kilometer vor dem Ziel fing es an leicht zu regnen. Aber wir (besonders ich) schafften es trotzdem, ohne jegliche fremde Hilfe anzukommen -- auch wenn es am Ende etwas beschwerlich wurde. Das war meine längste (ca. 26 km) und bis jetzt auch letzte Skifahrt, an denn Wochenenden nach Ostern war es zu warm. Der Frühling kommt vermutlich bald -- auch wenn immer noch kein grüner Grashalm zu sehen ist.
Am Montag nach diesem Wochenende mussten mir meine Arbeitskollegen erstmal erzählen, dass "normale" Finnen überhaupt nicht so leben (die haben keinen Lapphund und essen viel lieber italienisch und überhaupt...) -- aber ich habe das Wochenende sehr genossen.
Eingestellt von
Imke
um
13:29
0
Kommentare